Diese Wahl ist zumindest nach meinen ganz persönlichen Grundsätzen ganz sicher keine Wahl nach europäischen, demokratischen Maßstäben. Warum nicht? Nun zunächst einmal, warum muss die Präsidentenwahl in dem angeblich demokratischsten Land der Welt quasi dem Land, das von sich behauptet, die Demokratie selbst erfunden zu haben an einem Dienstag abgehalten werden? An einem Tag, an dem die meisten Menschen arbeiten gehen müssen und einfach nicht die Möglichkeit haben sich mehrere Stunden in eine Schlange zu stellen um ihre Stimme abzugeben?
Warum müssen sich Amerikaner immer noch erst in ein Wählerverzeichnis eintragen lassen, bevor sie zur Wahl gehen dürfen? Meiner Meinung nach wäre es ein besserer Ansatz, jedem Wahlberechtigten seine Wahlunterlagen zuzuschicken. In diesen Wahlunterlagen sollte auch genau beschrieben stehen, wo er seine Stimme abgeben kann und welche Unterlagen er dazu mitbringen muss. Aber nicht so in Amerika. Das Fehlen eines Personalausweisähnlichen Dokuments macht die eindeutige Identifikation der Wähler auch nicht gerade einfacher.
Was aus europäischer Sicht auch etwas seltsam anmutet, ist die Tatsache, dass die Wähler nicht selten mehrere Stunden anstehen mussten, um ihre Stimme abgeben zu können. Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber ich habe während einer Bundestagswahl noch NIE IN MEINEM LEBEN anstehen müssen, und das, obwohl die Wahlbeteiligung in der Regel höher ist als bei amerikanischen Präsidentenwahlen.
Die Stimmabgabe per Wahlcomputer ist wohl ein ganz besonderes Hirngespinst, das sich ein ganz besonders schlauer Republikaner ausgedacht hat, wohl um die angebliche amerikanische technische Überlegenheit gegenüber dem Rest der Welt zu unterstreichen. Besonders vertrauenerweckend dabei ist, dass der Hersteller der Wahlmaschinen, die Fa. Diebold, einer der Unterstützer des neuen/alten Präsidenten ist. Außerdem ist die oft fehlende Möglichkeit, einen Papierausdruck zu erstellen, auch ein ganz tolles Feature, das natürlich besonders der Vertrauensbildung gegenüber dem Wähler dient der wird nämlich nie erfahren, wen er tatsächlich gewählt hat oder ob seine Stimme überhaupt für irgend jemanden gezählt wurde.
Warum zum Teufel kann man nicht einfach einen Wahlzettel auf Papier ausgeben, der: 1. praktisch immun gegen "Fehlbedienungen" ist 2. in allen Bundesstaaten einheitlich ist.
Ja, so ein Zettel muss von Hand ausgezählt werden, so wie das in der ganzen übrigen Welt recht erfolgreich bei allen demokratischen Wahlen der Fall ist. Ist die Präsidentenwahl der USA nicht ein zu wichtiges Thema, um sie zum Experimentierfeld für neue Technologien zu machen?
Nun, trotz der oben genannten Kritikpunkte hat Präsident Bush die Wahl gewonnen, und er hätte sie wohl auch gewonnen, wenn die Wahl nach den oben genannten Gesichtspunkten ausgetragen worden wäre. Für uns Europäer ist das in höchstem Maße unverständlich. Nun -- jedes Volk hat den Führer, den es verdient. So auch die Amerikaner.
Was wird uns dieser Präsident in der Zukunft bringen? Meiner Meinung nach wird er seinen alten Kurs unbeirrt weiterführen. Er wird den sogenannten "Kampf gegen den Terrorismus" noch härter weiter führen. Und je härter er diesen Kampf führen wird, desto mehr Menschen wird er in die Arme der Fundamentalisten treiben, die er so sehr zu bekämpfen sucht.
Europa steht unter Schock -- Amerika hat gewählt und hat sich ganz offensichtlich falsch entschieden. Nein -- es ist eigentlich nicht die feine Art, die demokratische Entscheidung des Amerikanischen Volkes anzuzweifeln, doch dieser Präsident hat die Welt und sein eigenes Volk so absolut schamlos belogen, er hat den amerikanischen Haushalt an den Rand des Ruins getrieben, er hat den nahen Osten in ein Chaos gestürzt, er hat in seinem eigenen Land hundertausende Arbeitsplätze vernichtet, und er schürt die Terrorangst in seinem eigenen Lande in unvorstellbarem Maße. Er möchte Demokratie und Menschenrechte in den Irak exportieren, indem er die Menschenrechte, für die Amerika ja angeblich steht, möglichst oft mit den Füßen tritt und -- salopp gesagt -- auf die Genfer Konvention und internationales Recht scheißt. Kurz -- die Bilanz dieses Mannes ist verheerend und man muss sich schon sehr wundern warum dieser gefährliche Mann wiedergewählt wurde.
Und was sagt unsere Bundesregierung dazu? Nun, sie steht weiterhin an der Seite Amerikas, um den "Kampf gegen den Terrorismus" zu unterstützen. Dass dieser Kampf es ist, der den Terrorismus erst wirklich stark macht, scheint man überall auf der Welt geflissentlich zu ignorieren -- unsere Bundesregierung bildet hier keine Ausnahme. Dabei spielt es eigentlich keine große Rolle, ob unsere Soldaten in Afghanistan stationiert sind und dort Ressourcen für die Amerikaner freischaufeln die sie natürlich dringend im Irak brauchen.
Wir brauchen nur lange genug warten, bis UNSERE Jungs in schwarzen Säcken wieder nach Hause kommen, denn der "Kampf gegen den Terror" findet auch in Afghanistan statt. Momentan ist die Bundeswehr dort derartig unterrepräsentiert, dass sie die Mohnfelder der dortigen Drogenbarone einfach übersehen MUSS -- denn wenn sie das eigentlich Richtige täte und gegen diese Leute vorgehen würde, dann wäre es ganz schnell vorbei mit dem "Frieden" in Afghanistan. Wie lange wird das gut gehen?
Wir wollen dort demokratische Strukturen aufbauen und müssen uns aber gleichzeitig mit den übelsten Gesellen, die es gibt arrangieren. Das muss auf lange Sicht gesehen schief gehen.
Es bleibt nur zu hoffen, dass unsere glorreiche Bundesregierung nicht auf die Idee kommt, einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat gegen deutsche Soldaten im Irak "einzutauschen". Dieses kleine "Geschäfft" würde zwar unweigerlich die amerikanisch/ deutschen Beziehungen verbessern -- doch ein weiteres militärischen Abenteuer an der Seite des neuen/alten Kriegspräsidenten sollten wir uns nicht leisten.
Alleine die Zusammensetzung der Bush-Administration der letzten Amtsperiode hätte in Europa einen Skandal ausgelöst. Praktisch die komplette Regierung war mit ehemaligen Mitarbeiten von Öl- und Rüstungskonzernen besetzt. Dass der Firma Halliburton und einiger ihrer Tochterunternehmen riesige Auftragsvolumen zugeschanzt wurden, obwohl oder gerade weil Herr Cheney ihr ehemaliger Vorsitzender war scheint auch niemanden besonders zu stören
Mit der neuen Zusammenstellung seiner Regierungsmannschaft, wird Mr. Bush zeigen, in welche Richtung er in Zukunft gehen möchte. Ich erwarte keine besonderen Veränderungen das ist nicht seine Art. Er wird das aktuelle Wahlergebnis als Bestätigung seiner "Regierungsarbeit" sehen und wird wohl kaum Veränderungen vornehmen
Hier in Europa sollten wir das jedoch als Chance begreifen. Auch wenn wir eines Tages Amerika vielleicht nicht einmal mehr als "kritische Freunde" gegenüberstehen können, sondern als Vertreter zweier komplett verschiedener Ideologien, so könnte dieses reaktionäre Amerika dazu führen, dass Europa seine eigenen Stärken entdeckt und zu einer wirklichen alternative zur amerikanischen, christlichen brachial-möchtegern-Demokratie wird. Wir sollten aber auf gar keinen Fall versuchen, dem amerikanischen Modell zu folgen. Dieses Amerika ist nicht das, was wir wollen
So bleibt das Hoffen auf die nächsten Präsidentenwahlen in vier Jahren. Vielleicht schafft's ja Hillary Clinton ob's dann besser wird? Wir werden ja sehen.
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